Tuesday, 19 November 2019
 

Slavoj Žižek vs. Jordan Peterson - ein philosophisches Mega-Event

Am 19.04.2019 fand im Sony-Center in Toronto vor 3.000 Zuschauern ein philosophisches Mega-Event in Gestalt einer öffentliche Debatte zwischen Slavoj Žižek und Jordan Peterson zum Thema "Happiness - Capitalism vs. Marxism" statt. Žižek ist der einzig wahre, noch lebende Großmeister der Dialektik und der vermutlich letzte Linke, der diese Bezeichnung verdient, er ist aber in den Kreisen, die sich heute als "links" verstehen oder behaupten, dies zu sein, nicht wirklich beliebt.

Deshalb finden sich in den unglaublichen 9.000 (meist sachbezogenen) Kommentaren zum Video (Stand 22.04., 23:30 Uhr) immer wieder welche, die meinen, Žižek sei gar kein richtiger Marxist. Hat er zwar auch nie behauptet, aber die klügste Erwiderung eines User ist diese: "It is true that Žižek is not a Marxist, but probably in the sense that Marx was not a Marxist." Den bis zum Hass reichenden Unmut der selbsternannten "Linken" zog Žižek sich durch die rigorose, meist auch wenig diplomatisch formulierte Ablehnung dessen, was jene, also die "Linken", heutzutage für "links" und natürlich "progessiv" halten - political correctness, Multikulturalismus und Identitätspolitik (Stichwort gender studies/politics). Was den Unmut der "Linken" dabei besonders schürt ist die Tatsache, dass Žižek das in einer stringenten und vor allem konsistenten hegelianisch-marxistischen Argumentation tut, der seine Kritiker schlicht nichts entgegensetzen können. Er hat das Problem der "Linken" mit folgenden Worten umrissen:
"Don't fall in love with your suffering. Never presume that your suffering is in itself a proof of your authenticity. [...] White left liberals love to denigrate their own culture and blame eurocentrism for our ideas. But it is instantly clear how this self-denigration brings a profit of it's own. Thru this renouncing of their particular roots multicultural liberals reserve for themselves the universal position. [...] White multiculturist liberals embody the lie of identity politics."

Diese Kritik bildet - auf den ersten Blick - auch die Schnittmenge mit Petersons Sichtweise und seinen entsprechenden Äußerungen. Peterson sieht sich als "classic British liberal" (Spectator) und gilt als einer der "most influential public intellectuals" (NYT), hat aber auch in konservativen Kreisen und in der europäischen Neuen Rechten eine große Fangemeinde. Die Ablehnung der o.g. Politik ist aber nur auf den ersten Blick eine Gemeinsamkeit. Žižek sieht in selbiger das unausgesprochene Eingeständnis des Scheiterns der Linken in der Konfrontation mit dem System des Kapitalismus, von der nur noch das Bemühen übrig sei, Nutznießer zu sein (nicht zuletzt auch materiell und Gestalt systemimmanenter und vollversorgter Pöstchen). Žižek formuliert es so (ab 1:48:00):
"Do you see in them, in political correctnes and so on, any genuine wheel to change society? I don't see. I think it's a hypermoralization with it's silent admission of a defeat. [...] I see in it mostly an impotent, an utterly impotent moralization.".
Peterson hingegen sieht in der o.g. Politik eine Art "Kulturmarxismus" am Wirken, der eine marxistisch-subversive Methode sei, die westliche Kultur anzugreifen. Das brachte ihm Žižeks Spott ein, der sich in der öffentlich vorgetragenen Vermutung äußerte, Peterson wäre einer Verschwörungstheorie seiner Fans von Alt-Right aufgesessen. Daraufhin lud Peterson Žižek zu einer öffentlichen Debatte ein, die dann auch am 19.04. stattfand. Peterson hatte - das wurde schon nach wenigen Minuten während seines Eröffnungsstatements klar - gegen Žižek keine Chance. Er ist zwar ein eloquenter Redner, aber die schönste Eloquenz nützt nichts, wenn man nicht weiß, wovon man spricht - und Žižek ließ Peterson das auch wissen - nach dem freundlich Hinweis, dies wäre "not a rhetorical question for kindly saying you are an idiot and you don't know what you are talking about":

Petersons Problem war, dass er tatsächlich nicht wusste, wovon er angesichts des Themas "Happiness - Capitalism vs. Marxism" redete. Er wusste als dem Vernehmen nach guter Psychologe - er hat eine Psychologieprofessur an der University of Toronto - einiges zu Happiness zu sagen. Doch gleichwohl er eine Menge von Public Relations und Marketing, insbesondere Selbstvermarktung, versteht, hat er vom Kapitalismus als System keine und vom Marxismus gar keine Ahnung. Das veranlasste SPON zu der Bemerkung, Peterson wäre mit einem Taschenmesser in ein Artilleriegefecht gezogen.

Žižeks Vortragesweise ist gewöhnungbedürftig, er sieht (nicht nur in dieser Debatte, sondern eigentlich immer) so aus, als käme er geradewegs vom Pfandflaschensammeln, kann kaum eine Minute ruhig sitzen, schwitzt und zerzauselt seinen Bart, rubbelt seine Nase und sein Englisch ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Aber er ist trotzdem - oder vielleicht auch gerade deshalb - ein unglaublich belesener und über einen entsprechenden Fundus an Zitaten verfügender, brillanter und faszinierender Redner, dem man förmlich ansieht, dass Denken echte Arbeit ist, wenn aus der diesbezüglichen Hirnaktivität nicht bloß mehr oder weniger gefälliges Geschwätz resultieren soll. Ich habe diese Art des vortragenden Denkens bisher nur bei Hannah Arendt gesehen. So gesehen muss man Peterson dankbar sein, dass er diese Debatte initiierte, wenngleich er sich deren Ausgang sicher anders vorstellte. :-)